Lager unter Tage als Besonderheit des Kalireviers
Die Unterbringung von Zwangsarbeitskräften unter Tage, also in den Schächten und Strecken (Gängen) des Kalisalzabbaus, war eine Besonderheit des Reviers an der Werra. Meist erfolgte die Unterbringung von Zwangsarbeitern, die in der industriellen Produktion eingesetzt waren, in Barackenlagern über Tage. Vereinzelt wurden Zwangsarbeiter in eigenständigen Lagern auch in Tunneln, natürlichen Höhen und auch Stollen des Bergbaus untergebracht, vor allem gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als verstärkt alliierte Luftangriffe auf Industrieanlagen geflogen wurden, gegen die die Luftabwehr kaum mehr etwas entgegenzusetzen hatte.
Das Kalirevier hatte hier jedoch eine Sonderrolle: Durch das stabile Gestein, die Tiefe der Schächte und vergleichsweise wenige Erdbewegungen eigneten sich die unterirdischen Abbauorte auch dazu, hier Produktions- und Unterbringungsmöglichkeiten mit wenig Aufwand einzurichten. Das bedeutete, dass die Zwangsarbeiter am gleichen Ort arbeiteten und lebten, meist nur wenige Meter voneinander entfernt und in mehreren hundert Metern Tiefe. Hier blieben sie für mehrere Wochen, in manchen Fällen sogar Monate, insbesondere am Ende des Krieges.

So war die Situation zum Beispiel am Schacht Kaiseroda I. Hier begannen im September 1944 umfangreiche Bauarbeiten unter Tage. Ziel war es, die Produktion von BMW Flugzeugmotoren aus Eisenach hierher zu verlagern. Dafür mussten unterirdische Hallen geschaffen werden. Umfangreiche Betonierarbeiten waren notwendig. Die Zwangsarbeiter waren vorrangig Häftlinge des KZ Buchenwald nahe Weimar. Von Überlebenden wissen wir heute, wie sich die Situation vor Ort darstellte: Direkt nach dem Transport von Buchenwald zum Schacht mussten die Häftlinge einen Förderkorb betreten. Sie wurden damit über den Schacht sofort in die Tiefe gebracht. Am Arbeitsort angekommen, fanden sie zunächst nichts vor. Es gab weder Möbel noch irgendwelche sanitären Einrichtungen. Erst nach und nach wurde Holz herbeigeschafft, um provisorische Boxen als Betten zu bauen. Die ersten Tage und Wochen mussten sie auf dem blanken Gestein schlafen. Säcke wurden mit Stroh gefüllt, um als Matratzen zu dienen. Toiletten oder Waschmöglichkeiten gab es nicht, da Wasser das salzhaltige Gestein brüchig gemacht hätte. In dieser Situation verblieben die zeitweise mehr als 400 Häftlinge unter Tage über mehrere Wochen. Es gibt Berichte von Überlebenden, die erblindeten, als sie wieder an die Oberfläche kamen. Im April 1945 wurde dieses unterirdische Lager geräumt. Die Überlebenden mussten einen Todesmarsch zurück nach Buchenwald antreten.

Die unterirdischen Lager verblieben in der Situation, in der sie fluchtartig verlassen wurden. Manche bestehen bis heute. Denn als die US-amerikanischen Truppen die Region erreichten, fürchteten sie Sprengfallen und die Einsturzgefahr und betraten daher die Lager unter Tage nicht. Sie wurden zugemauert und damit versiegelt - bis heute. Einige von ihnen wurden später entfernt, als der Kalisalzabbau fortschritt.

Die letzten Zwangsarbeiter von Springen
Im kleinen Ort Springen, heute ein Ortsteil von Bad Salzungen, befand sich ein Außenlager des KZ Buchenwald mit dem Decknamen „Heinrich Kalb“. Es wurde im Januar 1945 eingerichtet, also am Ende des Zweiten Weltkriegs.
Es war beabsichtigt, dass hier unter Tage Flugzeugmotoren von BMW hergestellt werden sollten. Im Februar 1945 arbeiteten und lebten hier unter Tage etwa 500 Häftlinge aus Buchenwald. Ende März 1945 kam der Befehl, das Lager aufgrund der herannahenden US-amerikanischen Truppen zu räumen. Da alle Zwangsarbeiter über den Förderkorb an die Oberfläche gebracht werden mussten, dauerte dies sehr lange.
Offiziellen Aufzeichnungen zufolge verblieben jedoch 93 Menschen im Lager. Nach der Räumung des Lagers und einige Tage nach der Einnahme durch die Amerikaner wurden einige von ihnen von Kalibergleuten unter Tage angetroffen und gerettet. Bis heute ist ungeklärt, ob der größere Teil von ihnen unter Tage starb.
