Arbeit, Unterbringung, Lebensbedingungen

Das Lager

Nicht alle Menschen, die während der NS-Zeit in Deutschland Zwangsarbeit leisteten, waren in Lagern untergebracht. Hier gab es starke Unterschiede, denn auch in der Frage der Unterbringung lag die Rassenideologie der Nationalsozialisten zugrunde. Von den polnischen Zwangsarbeitern waren etwa drei Viertel in der Landwirtschaft eingesetzt. Sie lebten folglich auch auf den Höfen oder in deren Umgebung. Von allen übrigen Gruppen der Zwangsarbeiter arbeiteten hingegen 87 Prozent außerhalb der Landwirtschaft, vorrangig in der Industrie und dem Straßenbau. So kam es, dass in eher ländlichen Regionen polnische Zwangsarbeiter weit häufiger anzutreffen waren. In den Städten waren sie hingegen in der Minderheit. Hier bildete das Kalirevier an der Werra eine Besonderheit: Zwar ist die Gegend bis heute trotz der Kaliindustrie vorrangig ländlich geprägt. Damit trifft es durchaus zu, dass die größte Gruppe der Zwangsarbeiter polnische Staatsbürger waren. Diese wurden jedoch in der Mehrzahl in der Industrie, darunter an erster Stelle im Kalibergbau und der Rüstungsproduktion eingesetzt. Polnische Zwangsarbeiter mussten wie die sogenannten Ostarbeiter aus der Ukraine oder Belarus an ihrer Kleidung entsprechende Kennzeichnungen tragen: P für Polen, Ost für Ostarbeiter. Dies führte zur Ausgrenzung innerhalb und außerhalb der Betriebe, in denen sie eingesetzt waren. Entsprechend der NS-Rassenideologie standen sie auf einer entsprechend niedrigen Stufe. 

Die Häftlinge im KZ Ebensee in Österreich waren wie einige der Häftlinge im Werratal im Bergbau und in der Rüstungsproduktion eingesetzt worden. Hunger und Auszehrung sorgten für die von den Nationalsozialisten angestrebte „Vernichtung durch Arbeit“. | Quelle: Lt. Arnold E. Samuelson, Ebensee concentration camp prisoners 1945, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Da der Einsatz der Zwangsarbeiter im Kalibergbau und der Rüstungsproduktion dem Einsatz in der Industrie entsprach, wurde eine dezentrale Unterbringung von Beginn an ausgeschlossen. Die Mehrzahl der Menschen war in Barackenlagern untergebracht. Die Zuständigkeit für deren Errichtung, die Organisation und den Unterhalt oblag den Betrieben, also der Wintershall AG und der Salzdetfurth AG, sofern die Arbeitskräfte dort eingesetzt waren. Mussten diese in der Rüstungsproduktion Dienst leisten oder waren es gar KZ-Häftlinge, oblag die Lagerleitung staatlichen Institutionen beziehungsweise der SS.

Die einzelnen Gruppen (Ostarbeiter, Polen, Kriegsgefangene aus dem Westen, Kriegsgefangene aus der Sowjetunion und weitere Gruppen) befanden sich in unterschiedlichen Lagern. Es wurde streng darauf geachtet, dass sie sich nicht mischten. Gleiches galt für die Trennung nach Geschlecht. Es konnte zwar sein, dass an einem Standort unterschiedliche Gruppen in Unterbringungslagern waren. Doch die einzelnen Baracken waren streng abgeriegelt. 

Denn die Behandlung, also die Versorgung mit Lebensmitteln und die Belegung der Baracken unterschieden sich stark, je nach Stellenwert in der Rassenideologie. Während in einer Baracke vom Typ RAD RL IV 18 zivile Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene aus dem Westen untergebracht waren, wurden auf die gleiche Grundfläche 36 russische Kriegsgefangene gesperrt. In den „besseren“ Baracken gab es Doppelbetten, in den anderen nur hölzerne Pritschen als doppelstöckige Stockbetten, je doppelt belegt. 

 

 


Die Belegung der Baracken und die Ausstattung der Insassen unterschied sich stark nach der Stellung in der Rassenideologie. Es gab klare Vorschriften dafür, welche Anzahl an Personen maximal zusammen leben konnten. Privatsphäre gab es praktisch nicht. | Quelle: Mark Spoerer, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1933—1945, Stuttgart/München 2001, S. 118.

Alltag in den Lagern

Das Jahr 1942 bildete einen Wendepunkt für den Alltag vieler Zwangsarbeiter: Denn bis dahin waren russische Kriegsgefangene nicht zur Arbeit zugelassen. Sowjetische Soldaten wurden während des Vorstoßes der deutschen Wehrmacht millionenfach gefangen genommen und in riesigen Kriegsgefangenenlagern ließ man sie zu Hunderttausenden einfach verhungern. Hitler fürchtete Sabotageakte, wenn man sie zur Arbeit heranzog. Seine Haltung änderte sich im Winter 1941/42. Der deutsche Vormarsch im Krieg geriet ins Stocken und es wurden Arbeitskräfte benötigt. Nun griff man auf die sowjetischen Kriegsgefangenen zurück. Für sie gab es zunächst keine geeigneten Lager. Auf Grund ihrer großen Anzahl waren diese rasch überfüllt. Die Behörden waren wie auch die Betriebe überfordert. So herrschten vor Ort Chaos und katastrophale hygienische Zustände. Viele der jungen Soldaten waren es nicht gewohnt, sich selbst um Wäsche, Verpflegung und Körperpflege zu kümmern, was in den Lagern hinein fast unmöglich war. Infektionen und Seuchen waren damit eine große Gefahr. Auch deshalb waren die Lager für russische Kriegsgefangene stets separiert.

Der Alltag drehte sich im Grunde um zwei Konstanten: Arbeit und Essen. Während die Lager für Arbeitskräfte aus dem Westen vergleichsweise gut versorgt waren, gerieten die täglichen Rationen immer knapper, je weiter unten ein Zwangsarbeiter in der Rassenideologie stand. Der Tag begann meist vor dem Morgengrauen. In geschlossenen Kolonnen marschierten die Zwangsarbeiter vom Lager in die Betriebe und nach der Arbeit wieder zurück. Der Arbeitstag dauerte in der Regel zwischen zehn und fünfzehn Stunden. Freizeit gab es nur in sehr begrenztem Maß. Es sind jedoch auch aus den Lagern im Werratal Aufführungen von Theater- und Musikgruppen der Häftlinge belegt.

Die Bewachung der Lager war vor allem anfangs streng. Doch mit der Zeit löste sich diese auf. Manche Lager verfügten über gar kein Wachpersonal mehr. Denn wohin hätte etwa ein russischer Kriegsgefangener fliehen sollen? Er hatte kein Geld für eine Fahrkarte mit der Bahn, er lief Gefahr,  sofort erkannt zu werden durch seinen schlechten Zustand und seine Heimat war ohnehin Kriegsgebiet oder von deutschen Truppen besetzt. Somit erübrigte sich vielfach die Möglichkeit einer Flucht — eine ausweglose Situation. Die KZ-Außenlager waren hingegen stetig bewacht, wenn auch nicht immer durch Personal der SS.

In der Werkszeitschrift „Der Kalibergmann“ wurde auf den „korrekten“ Umgang mit Kriegsgefangenen als Zwangsarbeiter hingewiesen. | Quelle: Der Kalibergmann, Juli/August 1944.

Zwangsarbeiter und Stammbelegschaft

Zwischen der regulären Belegschaft der Betriebe und den Zwangsarbeitern gab es relativ wenige Kontakte. Meist waren die Zwangsarbeitskräfte in eigenen Arbeitskolonnen eingesetzt. Deren Bewacher gehörten jedoch häufig zum Personal der Fabriken, im Fall der Kaliwerke war dies oft der Werkschutz, der eigentlich für die Bewachung und Sicherheit der Anlagen zuständig war. Die Arbeitskolonnen selbst waren ebenfalls unterteilt. So betraten beispielsweise polnische Zivilarbeitskräfte getrennt von russischen Kriegsgefangenen und getrennt von Zivilarbeitern aus den westeuropäischen Ländern das Betriebsgelände. Sie durften nicht untereinander in Kontakt treten und waren getrennt eingesetzt.

Dies erschwerte auch den Kontakt der regulären Belegschaft mit diesen Menschen. Kontakte zu jüdischen KZ-Häftlingen, die als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, oder zu russischen Kriegsgefangenen, waren ohnehin streng verboten und meist auch durch sehr abgegrenzte Einsatzgebiete unmöglich. Zu Zwangsarbeitern anderer Nationalitäten gab es vereinzelte Kontaktpunkte. Je höher diese nach der Rassenideologie standen, desto eher waren Kontakte möglich, wenngleich nicht üblich. 

Die schlechte Versorgung der Lager und die katastrophalen hygienischen Zustände führten auch dazu, dass sich rassistische Stereotype weiter verfestigten. Das Aussehen und die Verfassung vieler russischer oder jüdischer Zwangsarbeiter bestätigten in der Bevölkerung Vorurteile wie Unsauberkeit und Unzivilisiertheit, wofür die Gefangenen aber nichts konnten. Dies verstärkte jedoch die Distanz — eine weitere grausame Folge der NS-Rassenideologie.

„Außerdem wurden die Häftlinge von deutschen Facharbeitern beaufsichtigt und angeleitet.“
Zeugenaussage Hermann Bareiss

Hunger

Das vorrangige Problem der meisten Zwangsarbeiter war die Ernährung. Die Mahlzeiten wurden von den Unternehmen gestellt, in denen sie eingesetzt waren. Zur Einnahme der Mahlzeiten standen nur wenige Minuten im Betrieb oder in den Lagern bereit. Zwangsarbeiter aus den westlichen Ländern oder sogar Zivilarbeiter, die aus befreundeten Staaten stammten, erhielten hingegen Essensmarken, um sich in regulären Geschäften so wie die übrige Bevölkerung zu versorgen. Wer in der Landwirtschaft eingesetzt war, war zumeist besser versorgt. Zwangsarbeiter in der Industrie waren ganz auf die gestellte Versorgung angewiesen. Die war schlechter, je schlechter ein Zwangsarbeiter nach der NS-Rassenideologie stand. Es gibt dokumentierte Fälle aus Lagern russischer Kriegsgefangener, in denen diese besonders wenig und besonders minderwertige Nahrung bekamen, in denen sich Einzelne für Essen prostituierten oder sogar Mithäftlinge ermordeten. Bei der deutschen Bevölkerung schienen solche Fälle die von der NS-Propaganda vorgetragenen Stereotype zu bestätigen.

„Inbegriff des abgearbeiteten Häftlings war der ‚Muselmann‘- Zwangsarbeiter, die durch Hunger und Überarbeitung ihren Zustand nicht mehr ertragen konnten, fielen in einen Zustand, in dem alle geistigen Prozesse langsamer wurden und die normalen Reaktionen erlahmten. Abgesehen von ihrem ausgemergelten Körper waren sie an einem stumpfen, teilnahmslosen Blick zu erkennen. Wer in diesen Zustand verfallen war, hatte in der Regel nur noch eine Restlebensdauer von wenigen Tagen. Die Herkunft des Begriffs ist unklar. Möglicherweise ist er entstanden, weil die Betroffenen nicht mehr länger aufrecht stehen konnten und ihnen daher Ähnlichkeit mit Moslems zugeschrieben wurde, die sich beim Gebet zu Boden werfen.“
Mark Spoerer, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1933—1945, Stuttgart/München 2001, S. 142.

Bezahlung und Anreize

Welche Anreize, außer der Androhung von Strafen oder der Ermordung, hatten Zwangsarbeiter, um zu arbeiten? Es gab Gruppen unter den Zwangsarbeitern, die für ihre Arbeit zumindest in der Anfangszeit bezahlt wurden. Dies galt für Arbeitskräfte, die häufig schon vor Beginn des Zweiten Weltkriegs zunächst „freiwillig“ aus befreundeten Staaten des Deutschen Reichs gekommen waren. Samt Zulagen konnten sie in Ausnahmefällen sogar auf einen höheren Lohn als deutsche Arbeitskräfte kommen. Dies war jedoch die Ausnahme. Und mit Beginn des Krieges blieb ihnen die Heimkehr zumeist verwehrt und der Lohn wurde Schritt für Schritt gekürzt. Die Unterbringung und Verpflegung in den Lagern wurde vom Lohn abgezogen.

Polen und Ostarbeiter, die zwar nicht freiwillig, aber auch nicht als KZ-Häftlinge oder Kriegsgefangene arbeiteten, bekamen meist einen sehr schmalen Lohn, wenngleich es auch hier keine einheitliche Praxis gab. Er lag in jedem Fall erheblich unter dem üblichen Lohn und auch unter der Entlohnung der Zwangsarbeiter aus dem Westen. Diese bekamen hingegen ihrerseits weniger als die regulären deutschen Arbeitskräfte. Sowjetische Kriegsgefangene bekamen keinen Lohn. Andere konnten sich hingegen ein sogenanntes „Lagergeld“ verdienen, welches nur innerhalb der Lager galt und dort zum Eindecken mit Seife, Rasierzeug oder Sonderverpflegung gedacht war. Dies galt insbesondere für britische und französische Kriegsgefangene. Zivile Zwangsarbeiter aus den von Deutschland besetzten Gebieten der Sowjetunion – die sogenannten „Ostarbeiter“ – durften im Deutschen Reich weder Bankkonten eröffnen noch Sparbücher besitzen. Um dennoch eine Form der Geldanlage zu schaffen, führte das Reichsfinanzministerium im Sommer 1942 das sogenannte „Ostarbeitersparen“ ein. Dabei konnten sowjetische Zivilarbeiterinnen Sparmarken kaufen, die anschließend in spezielle Ostarbeiter-Sparkarten eingeklebt wurden. Offiziell war vorgesehen, dass die so gesparten Beträge an ihre Familien in der Heimat überwiesen werden konnten. In der Realität geschah dies jedoch nur in Ausnahmefällen. Stattdessen floss der Großteil des angesammelten Geldes in die Finanzierung des deutschen Kriegs, womit das System vor allem den wirtschaftlichen Interessen des NS-Staates diente, während die Ostarbeiterinnen selbst kaum von ihren Ersparnissen profitierten.

Ab 1942/43 zeigte sich jedoch, dass das System der Zwangsarbeit nicht weiter ohne Anreize funktionierte. Wenn ein Arbeiter, sei es nur in geringstem Umfang, für eine höhere Leistung besser belohnt wurde, so schuf dies Steigerungen der Produktivität. Das zeigte sich etwa in den Zulagen für Zwangsarbeiter unter Tage. Hier nutzte das NS-System die Notlage der Menschen aus. Für sowjetische Kriegsgefangene bedeutete dies, dass sie ihre Leistung für nur einen Teller Suppe mehr pro Tag steigerten. Dies galt auch für KZ-Häftlinge. Wer mehr leistete, der hatte zwar nicht das Anrecht, aber doch die Hoffnung auf bessere Verpflegung. Andere Anreize bestanden in Bordellbesuchen oder besserer Kleidung.