Profiteure

Die Rassenideologie des Nationalsozialismus bildete gemeinsam mit der Rüstungs- und Kriegsproduktion die Grundlage für den massenhaften Einsatz von Zwangsarbeitern. Es entstand ein Teufelskreis: Der Krieg und die Einberufung immer größerer Teile der männlichen Bevölkerung zum Dienst in der Wehrmacht führten zu einem zunehmenden Mangel an Arbeitskräften. Gleichzeitig wuchs mit der Dauer des Krieges der Bedarf an Rüstungsgütern wie Munition, Fahrzeugen und Waffen.

Für die nationalsozialistischen Machthaber war es zugleich von zentraler Bedeutung, die Versorgung der deutschen Bevölkerung möglichst aufrechtzuerhalten. Hunger, Mangel und daraus resultierende Unruhen, Aufstände oder Widerstand sollten unbedingt vermieden werden. Zwangsarbeiter wurden daher nicht nur in der Industrie, sondern auch in der Landwirtschaft eingesetzt, um die Lebensmittelversorgung sicherzustellen. In diesem Zusammenhang spielte auch der Kalibergbau eine entscheidende Rolle, da er die Produktion von Düngemitteln und damit die landwirtschaftlichen Erträge unterstützte.

Daneben ging es darum, die Kriegsproduktion trotz alliierter Luftangriffe auf Fabriken so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Auch hier waren Zwangsarbeitskräfte unverzichtbar. Je länger der Krieg durch die fortgesetzte Rüstungsproduktion andauerte, desto mehr Menschen wurden zur Zwangsarbeit gezwungen. Gleichzeitig verschlechterte sich mit der zunehmenden Belastung der deutschen Versorgungslage auch die Situation der Zwangsarbeiter erheblich.

Für deutsche Unternehmen war seit Beginn des Krieges klar, dass der Arbeitskräftemangel nur durch ausländische Arbeitskräfte ausgeglichen werden konnte. So war es auch bei den zwei vorherrschenden Unternehmen der Kaliproduktion im Werra-Revier: Der Wintershall AG und der Salzdetfurth AG. Während anfangs noch ein kleiner Teil der ausländischen Arbeitskräfte freiwillig angeworben wurde, bestand der Großteil bald aus Zwangsarbeitern. Viele Betriebe, so auch im Revier, richteten ihren Blick zudem auf die Nachkriegszeit: Wer es schaffte, seine Produktion im Krieg aufrechtzuerhalten und wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen, hoffte, nach dem Krieg davon zu profitieren. Mit zunehmender Kriegsdauer wich diese Perspektive jedoch immer stärker der bloßen Sicherung des bestehenden Betriebs.

Entsprechend stieg die Zahl der eingesetzten Zwangsarbeiter stetig an. Hochrechnungen auf Grund von Quellenmaterial zufolge war am Ende des Zweiten Weltkriegs etwa jeder vierte Arbeiter in der deutschen Industrie ein Zwangsarbeiter, in der Landwirtschaft lag der Anteil noch höher. In den Kaliwerken an der Werra betrug der Anteil ausländischer Arbeitskräfte im Jahr 1944 durchschnittlich 40 bis 50 Prozent – in manchen Betrieben war damit jeder zweite Arbeiter ein Zwangsarbeiter.

Im Konzentrationslager Dachau wurden zu Beginn der NS-Herrschaft unterschiedliche Formen der Zwangsarbeit von Häftlingen erprobt, die später im Kalirevier angewendet wurden. | Quelle: Bundesarchiv, Bild 152-26-20 / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 152-26-20, KZ Dachau, Häftlinge bei Zwangsarbeit, CC BY-SA 3.0 DE

Warum waren die Anteile von Zwangsarbeitern im Kalirevier an der Werra besonders hoch? Ein wesentlicher Grund lag in der großen Bedeutung der Kaliindustrie für die Düngemittelproduktion und damit für die Versorgung der Bevölkerung. Die Sicherstellung ausreichender Ernten war für das NS-Regime von zentraler Bedeutung, um Hunger, Unruhen und Widerstand zu vermeiden.

Ein weiterer wichtiger Faktor war der hohe Anteil an körperlicher Handarbeit im Kalibergbau und in den angeschlossenen Betrieben. Viele Arbeitsprozesse ließen sich in einfache, klar abgegrenzte Tätigkeiten aufteilen. Zwangsarbeiter mussten daher nicht aufwendig angelernt werden, um etwa Säcke zu verladen, Gebäude zu errichten oder Wege und Infrastruktur zu bauen. Diese Arbeitsorganisation begünstigte ihren massenhaften Einsatz.

Die Wintershall AG

Die Wintershall AG durchlief zwischen 1918 und 1933 eine Phase tiefgreifender Umbrüche, die eng mit den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der Weimarer Republik verbunden war. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stand das Unternehmen wie große Teile der deutschen Industrie vor erheblichen Herausforderungen. Der Verlust von Absatzmärkten, Reparationsforderungen und die allgemeine wirtschaftliche Instabilität belasteten auch die Kaliindustrie. Dennoch gelang es Wintershall, seine Stellung im deutschen Kalibergbau weiter auszubauen. In den 1920er Jahren verfolgte das Unternehmen eine konsequente Expansions- und Konzentrationspolitik. Durch den Erwerb zahlreicher Schächte und Beteiligungen entwickelte sich Wintershall zu einem der dominierenden Akteure im deutschen Kaliwesen. Diese Entwicklung mündete 1929 in der Gründung der Wintershall AG, die mehrere zuvor selbstständige Unternehmen unter einem Dach vereinte. Zu diesem Zeitpunkt kontrollierte Wintershall einen erheblichen Teil der deutschen Kaliproduktion. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 stellte das Unternehmen erneut vor große Probleme. Der internationale Absatz von Kalidünger brach ein, Preise fielen und viele Betriebe gerieten unter Druck. Als Reaktion begann Wintershall, neue Geschäftsfelder zu erschließen, darunter die Erdöl- und Leichtmetallproduktion. Zugleich suchte die Unternehmensführung verstärkt nach politischer Unterstützung. Die Jahre bis 1933 waren damit geprägt von wirtschaftlicher Konsolidierung, strategischer Neuausrichtung und einer zunehmenden Annäherung an autoritäre politische Lösungen, die Stabilität und staatliche Förderung versprachen. Vor allem August Rosterg (siehe unten) gelang es, unter den Umständen des NS-Regimes die Wintershall AG zum führenden Kali-Konzern auszubauen. Dem Unternehmen gelang es, Zwangsarbeiter gezielt bei den zuständigen staatlichen Stellen anzufordern. Eine Rolle spielte dabei auch die enge Zusammenarbeit der Unternehmensleitung mit dem NS-Regime. Der damalige Vorstandsvorsitzende August Rosterg unterhielt enge Kontakte zur politischen Führung und gehörte zu einem Kreis einflussreicher Industrieller, die das Regime durch hohe Spenden an die NSDAP unterstützten. Diese Nähe erleichterte den Zugriff auf Zwangsarbeitskräfte und trug dazu bei, dass ihr Einsatz im Kalirevier in besonders großem Umfang erfolgte.

Die Wintershall AG profitierte als größter Kaliproduzent der 1930er Jahre von den Umständen des Nationalsozialismus. Generaldirektor August Rosterg (Mitte mit Zylinder) suchte dafür die Nähe zu den Machthabern. | Quelle: Privatarchiv Katharina Weber

August Rosterg und die Frage der Verantwortung

August Rosterg (1870–1945) war der dominante Entscheidungsträger der Wintershall AG und ihrer Vorläuferunternehmen. Der Bergbauingenieur trat 1898 in die Gewerkschaft Wintershall ein und arbeitete sich rasch bis in die Führungsspitze vor. Sein bergmännisches Können und seine ingenieurtechnischen Leistungen, insbesondere im Bereich des Schachtbaus, prägten den Kalibergbau an der Werra nachhaltig. Unter seiner Leitung wurde bei Heringen der Schacht Grimberg geteuft. 1906 wurde Rosterg technischer Direktor, anschließend Werksleiter in Heringen und 1916, während des Ersten Weltkriegs, Generaldirektor der Gewerkschaft Wintershall.

In den 1920er Jahren betrieb Rosterg eine expansive Unternehmenspolitik und übernahm zahlreiche Schächte und Gewerkschaften. Auf dieser Grundlage entstand 1929 die Wintershall AG. Zu diesem Zeitpunkt standen rund 50 Prozent der deutschen Kalischächte unter seiner Führung. Mit der Weltwirtschaftskrise brach 1932 der weltweite Export von Kalidünger ein. Als Reaktion erschloss Rosterg neue Geschäftsfelder, darunter die Erdöl- und Leichtmetallproduktion. Zugleich forderte er verstärkt staatliche Unterstützung, die jedoch aufgrund der politischen Instabilität der späten Weimarer Republik weitgehend ausblieb.

In dieser Situation näherte sich Rosterg schrittweise der NSDAP an. Deren radikaler Kurs und die Ablehnung des parlamentarischen Systems wirkten auf ihn wie auf viele wirtschaftliche Entscheidungsträger seiner Zeit anziehend. Zudem war Rosterg, typisch für Unternehmer seiner Generation, stark antisozialistisch eingestellt, was dem politischen Kurs Adolf Hitlers entsprach.

Zugang zur Führungsspitze der Nationalsozialisten fand Rosterg über seine Mitwirkung in der „Gesellschaft zum Studium des Faschismus“ sowie ab 1932 im „Studienkreis für Wirtschaftsfragen“. In diesen exklusiven Netzwerken trafen sich politische und wirtschaftliche Eliten. Es entstand ein System gegenseitiger Unterstützung, in dem wirtschaftliche Akteure politische Projekte und Amtsträger finanziell förderten. So unterstützte Rosterg 1933, nur wenige Monate nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, aktiv die Einrichtung einer SS-Führerschule in Merkers. 1935 wurde er Mitglied des neu gegründeten „Freundeskreises des Reichsführers SS“ unter Leitung von Heinrich Himmler.

Für Rosterg und Wintershall zahlte sich dieses Engagement aus. Das Unternehmen konnte während der NS-Zeit einen direkten Konkurrenten, die Burbach AG, übernehmen. Zudem sicherte der NS-Staat feste Abnahmequoten für Kalidünger in der heimischen Landwirtschaft zu. Zwar lagen die Preise unter dem freien Markt, doch die garantierten Absatzmengen machten die Gewinne kalkulierbar.
Gegen Ende der 1930er Jahre veränderte sich Rostergs Verhältnis zur NSDAP. Er blieb offiziellen Versammlungen zunehmend fern, hielt jedoch weiterhin persönliche Kontakte zu führenden Nationalsozialisten. Die Forschung geht heute davon aus, dass er versuchte, durch diese Kontakte Nähe zu wahren, ohne sich öffentlich stärker zu exponieren. Am Ende des Zweiten Weltkriegs verließ Rosterg das Deutsche Reich und ging nach Schweden, wo er im November 1945 starb.

Trotz seines ambivalenten Verhältnisses zum NS-Staat trug Rosterg als Generaldirektor Verantwortung für den Einsatz von Zwangsarbeitern in den Werken und Schächten der Wintershall AG. Die Gewinne aus der Kriegswirtschaft, insbesondere aus der Rüstungsproduktion und der Vermietung stillgelegter Schächte zur Munitionsfertigung, ermöglichten ihm auch persönliche Bereicherung.

Die Werkszeitschrift „Der Kalibergmann“ gratulierte Rosterg 1940 zum 70. Geburtstag. Als Generaldirektor war er der unumschränkte Lenker des Unternehmens in den Kriegsjahren. | Quelle: Der Kalibergmann, 16.2.1940

Als Generaldirektor musste Rosterg sich immer wieder an die Belegschaft wenden, um die Zustimmung zum Regime aufrecht zu erhalten. Zum Jahreswechsel 1942/43 brachte er seine Hoffnung auf den Sieg zum Ausdruck. | Quelle: Der Kalibergmann, 22.12.1942

Die Salzdetfurth AG

Bereits in den frühen 1920er Jahren setzte im mitteldeutschen Kalibergbau eine Phase der Konzentration ein. 1922 schlossen sich die „Consolidirten Alkaliwerke Westeregeln“, die „Kaliwerke Aschersleben“ und die „Kaliwerke Salzdetfurth AG“ zur „Werksgruppe Salzdetfurth-Aschersleben-Westeregeln“ zusammen. Mit der Gründung der „Vereinigten Kaliwerke Salzdetfurth AG“ im Jahr 1937 wurde diese Entwicklung abgeschlossen. In einem Vorstandsbericht wurde dieser Schritt als Beseitigung der bisherigen unternehmerischen „Verschachtelung“ bezeichnet.

Das zur Salzdetfurth AG gehörende Kaliwerk Hattorf griff bereits vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs auf ausländische Arbeitskräfte zurück. Im Juni 1939 wurden erstmals 53 Arbeiter aus der Slowakei angeworben. Ihre Unterbringung erfolgte zunächst dezentral und noch nicht in eigens eingerichteten Lagern. Mit dem Kriegsbeginn bereitete sich das Werk jedoch gezielt auf den massenhaften Einsatz von Fremdarbeitern vor. Auf dem Gelände der stillgelegten Schachtanlage Heimboldshausen-Ransbach entstand das sogenannte „Lager Nippe“, das der Unterbringung der Arbeitskräfte diente. Zunächst lebten dort 34 tschechische Arbeiter und Oberschlesier, die im Werk eingesetzt wurden.

In den folgenden Monaten wuchs die Zahl der Zwangsarbeiter deutlich. Im Mai und Juni 1940 trafen 179 Polen sowie 19 Ukrainer ein. Kurz darauf folgten Arbeitskräfte aus den besetzten westeuropäischen Ländern: Im Frühsommer 1940 kamen 30 Belgier, im August 20 französische Kriegsgefangene. Da zu diesem Zeitpunkt noch kein gesichertes Lager zur Verfügung stand, wurden diese zeitweise im Pferdestall des Schlosses Philippsthal untergebracht. Parallel dazu wurde das Lager Nippe kontinuierlich erweitert.

Ab 1941 verfügte das Werk Hattorf über ein eigenes Kriegsgefangenenlager. Innerhalb weniger Monate stieg die Zahl der dort untergebrachten Gefangenen von 20 auf über 200. Im Frühjahr 1942 beantragte das Werk zusätzlich den Einsatz sowjetischer Kriegsgefangener. Im Mai 1942 befanden sich 138 französische und 72 russische Kriegsgefangene im Lager. Bis zum Sommer 1944 blieb ihre Zahl mit rund 200 relativ konstant. Ein kurzfristiger Rückgang im Jahr 1943 entstand durch die Umwandlung vieler französischer Kriegsgefangener in den Status von Zivilarbeitern, wurde jedoch bald durch den Einsatz italienischer Militärinternierter ausgeglichen. Im Herbst 1944 wurden erneut rund 180 Gefangene gezählt, ehe ihre Zahl gegen Kriegsende deutlich sank.

Neben Kriegsgefangenen setzte das Werk Hattorf in großem Umfang zivile Fremdarbeiter ein. Zwischen Herbst 1940 und Frühjahr 1942 lag ihre Zahl stabil bei etwa 260 Personen, überwiegend aus Polen. Versuche der Werksleitung, zusätzliche Arbeitskräfte aus weiteren Ländern zu erhalten, blieben zunächst erfolglos. Erst im Sommer 1942 führte der Zugang von mehr als 100 sogenannten Ostarbeitern zu einem deutlichen Anstieg. Damit arbeiteten insgesamt über 570 ausländische Arbeitskräfte im Werk.

Diese Menschen wurden in nahezu allen Bereichen eingesetzt: im Untertagebetrieb, in der Fabrik, im Tagesbetrieb, in der Ziegelei sowie im Lager- und Transportwesen. Fluchtversuche, Vertragsauflösungen und Abgaben führten Anfang 1943 zu einem Rückgang der Zahlen, der jedoch durch neue Zuweisungen ausgeglichen wurde. Ab Mitte 1943 nahm die Zahl der Zivilarbeiter kontinuierlich ab, ohne dass größere Neuzugänge erfolgten.

Bis Anfang 1945 blieb die Gesamtzahl der ausländischen Arbeitskräfte dennoch relativ stabil bei rund 600 Personen. Sie stammten aus zahlreichen Ländern Europas, darunter Polen, Frankreich, die Sowjetunion, Italien, die Niederlande, Belgien, Bulgarien und weitere Regionen. Damit entwickelte sich das Werk Hattorf zu einem der zentralen Orte des systematischen Zwangsarbeitereinsatzes im Kalibergbau des Fulda-Werra-Reviers.