Schicksale und Erinnerungen

Zwangsarbeit während der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs erscheint aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft vielfach als ein sehr komplexes, technisches und wenig persönliches Feld. Er geht um Einsatzorte, Kontexte der Lager, Quoten des Einsatzes in den Betrieben und das Einfügen in die Rüstungsmaschinerie.

Doch die Erlebnisse der Menschen, die zur Arbeit gezwungen wurden, spiegeln oft einen anderen, manchmal sogar widersprüchlichen Blick. Individuelle Erfahrungen der komplexen Abhängigkeitsbeziehung zwischen Zwangsarbeiter, Lagerkommandant, dem Einsatz im Betrieb und der Bevölkerung im Umland bilden ein Mosaik aus Erinnerungen.

Daher wollen wir in diesem Teil der digitalen Ausstellung auf individuelle Schicksale und ihre Erfahrungen blicken. Als Quelle dienen dabei Erlebnisberichte und Aussagen vor Gericht in der Nachkriegszeit. Dabei soll nicht nur die Seite der Opfer, auch die der Täter betrachtet werden.

Die Aussagen im Folgenden spiegeln unterschiedliche Situationen, Einsatzorte und Kontexte der Zwangsarbeit im Kalirevier. Sie zeigen zugleich die differenten Sichtweisen zwischen Opfern und Tätern. Beide schildern aus ihrer Sicht Aufbau, Arbeit, aber auch Tötungen in den Lagern im Kalirevier an der Werra. Sie sind damit unverzichtbare Quellen der Zeitgeschichte. 

Kurt Neumaier

Kurt Neumaier musste als Häftling von Oktober 1944 bis April 1945 Zwangsarbeit leisten. Er gehörte zur Gruppe der vom NS-Regime nach dessen Rassenideologie so bezeichneten „Halbjuden“. Im Herbst 1944 wurden im gesamten Deutschen Reich etwa 20.000 Personen mit dieser Bezeichnung aufgefordert, sich an zentralen Sammelstellen zu melden. Von dort wurden sie in unterschiedliche Lager verteilt und dort zur Zwangsarbeit verpflichtet. Am 20. Oktober 1944 erreichte Neumaier per Zug das Unterbringungslager in Tiefenort, welches sich in einem Saal in einer Gaststätte befand. Das Lager unterstand der Organisation Todt und umfasste an diesem Standort etwa 150 Inhaftierte. Die Orte des Arbeitseinsatzes befanden sich in den Fabrikanlagen und den Schächten Kaiseroda und Abteroda. Hier arbeitete Neumaier gemeinsam mit anderen Häftlingsgruppen, wie KZ-Häftlingen und Kriegsgefangenen. Im Vergleich zu deren Arbeitsbedingungen war der Einsatz der „Halbjuden“ bis zum Jahreswechsel 1945 milde, wobei auch deren Arbeitstag rund 15 Stunden umfasste. Anfang 1945 verschlechterten sich durch die Kriegssituation die Arbeitsbedingungen. Neumaiers Lager wurde von der Organisation Todt dem KZ Außenlager in Abteroda unterstellt. Nun verschlechterte sich auch der Gesundheitszustand Neumaiers. Es gelang ihm, noch vor der Auflösung des KZ Außenlagers Abteroda im April 1945 seine Entlassung zu erwirken. Danach kehrte er zu seiner Frau nach München zurück.

Quellenzitat 1 Neumaier

„Es geht mir weiterhin gut und ebenso allen anderen. Ich bin bei einem Waggonausladetrupp und kann leichtere Arbeit verrichten, bis ich die Möglichkeit habe, mich bei einem Arzt zu melden. Vor allem wäre ich für die Übersendung von Zeitungen sowohl zum Lesen, als auch zu sonstigen Zwecken dankbar. Fresspakete erwünscht.“
Postkarte 23.10.1945
„Ich sortiere Bleistifte, zähle Holzschuhe, langweile mich unsagbar.“
Brief vom 1.11.1944
„Heute haben wir uns zu 12. Gulasch mit Kartoffel bestellt, ich freue mich schon darauf. Alle meine Briefe drehen sich ums Essen, wie banal, aber es ist hier eine Kapitalfrage.“
Brief 4.11.1944
„Morgen Sonntag müssen wir den ganzen Tag arbeiten, das ist natürlich schlimm, aber wenn dafür der Einsatz bald vorüber ist, hält man auch das aus.“
Brief 1.12.1944
„Unsere hiesige Behandlung ist immer jeweils nur von dem jeweiligen Frontführer abhängig. Da dieser Posten sehr oft umbesetzt wird, ändert sich die Behandlung auch stündlich. Mal zieht man die Schraube an, mal lockert man sie.“
Brief 11.12.1944
„So musste ich heute um 1/2 6 schon in die Grube einfahren (zum ersten Mal), um die dort ständig untergebrachten KZ-Häftlinge aufzunehmen. Ich hatte bis 12 zu tun, dann hielt ich es vor Kopfweh und Druck auf dem gesunden Ohr nicht mehr aus. Ich war froh, als ich wieder am Tageslicht war und richtig frische Luft atmen konnte.“
Brief 7.1.1945
„Das Lager ist nach wie vor mistig, eine unbeholfene Ziegekwerkshalle mit Betonboden und -decke. den ganzen Tag eiskalt, am Abend etwas temperiert. Es ist ja, Gottseidank, seit ich hier bin eine ausgesprochen milde Witterung, sonst könnte man es nicht aushalten. Das gesamte Lager (Abteroda) ist sehr groß und beherbergt Ausländer aller Sorten, männlich und weiblich und KZ und ist nur mit Ausweis zu betreten oder zu verlassen.“
Brief 5.2.1945
„Wir sind weniger geworden, ohne dass es weiter aufgefallen wäre. Die einen hoffen auf Entlassung, die anderen auf sonstige Heimkehrmöglichkeiten, jedenfalls ist es mit der Gemütlichkeit hier vorbei.“
Brief 9.2.1945
„Aber die Aussicht auf eine baldige Beendigung unserer Hierseins, die uns schon oft greifbar in der Luft zu hängen schien, hält uns alle hoch und lässt die Lagerunbilden, den unmöglichen Saufraß und alles andere erträglich erscheinen.“
Brief 12.2.1945
„Gestern zum Beispiel mussten wieder alle Arier genannt werden, sie sollen entlassen werden. Summa Summarum: Ein Tohuwabohu, denn wie kann man die Frauen wegschicken und die Männer entlassen. Ich zerbreche mir den Kopf diesbezüglich nicht mehr.“
Brief 14.2.1945
„Heute ist Montag, mein Geburtstag und ich hatte alles in der Tasche, um heimfahren zu können. (…) Ich sollte mir sofort einen Fahrschein nach München ausstellen lassen und direkt heimfahren. Da kam Alarm. (…) Liebe Gretl! Hoffentlich sehe ich Dich bald, momentan ist es nicht mehr zum Aushalten, meine Nerven sind seit Tagen einer unglaublichen Kraftprobe ausgesetzt. Ich hoffe, die Neigung zum Günstigen kommt bald.“
Brief 19.2.2945

Quellenzitat Stefan Borowski

„Im Jahre 1943 wurde ich durch die deutsche Besatzungsbehörde in Warschau, Mitte der Straße, verhaftet. Den Grund meiner Festnahme habe ich bis heute nicht erfahren.“
„Gleich nach Neujahr 1945 kam ich dann mit einem Transport in das Nebenlager nach Bad Salzungen. Dort haben wir ein jüdisches Arbeitskommando abgelöst. In dem Lager Bad Salzungen sich verblieben bis Karfreitag vor Ostern 1945. Dann begann unser Evakuierungsmarsch nach Buchenwald. In Buchenwald sind wir am ersten Freitag nach Ostern angekommen. Wir sind also eine Woche lang zu Fuß marschiert. Unterwegs mussten wir auf der Erde schlafen.“
„Wie ich damals gehört habe, sollten dort Hallen gebaut werden zur Fertigung von Flugzeugmotoren. Wir haben dabei den Fußboden und die Hallenträger betoniert. Wir waren etwa 1000. Wir haben alle unter der Erde in einem Salzbergwerk geschlafen und zwar in den von uns erbauten halbfertigen Hallen."
„Ich habe aber gesehen, dass ein russischer Häftling durch andere Häftlinge misshandelt worden ist, weil er angeblich ein Spitzel der Gestapo gewesen sein soll. Dieser Russe ist an diesen Misshandlungen gestorben. Das weiss ich.“
„Die nichtmarschfähigen Häftlinge die im Revier lagen, wurden mit Pferdewagen transportiert. Unterwegs wurden diese Häftlinge alle erschossen. Erschossen wurden auch die Häftlinge, die unterwegs nicht mehr mitmarschieren konnten. Ich selbst habe einem älteren Wachmann den Koffer getragen. Mit eigenen Augen habe ich zugesehen, wie ein junger Wachmann einen Häftling auf der Straße erschossen hat. Bei diesem Häftling handelte es sich um einen französischen Arzt, der gesehen hat, wie die Revierhäftlinge erschossen worden sind. Ich nehme daher an, dass damit ein Zeuge beseitigt worden ist. Denn die Amerikaner waren nicht mehr weit.“
„Den jungen Wachmann, der den Arzt erschossen hat, kann ich leider nicht beim Namen nennen. Ich habe ihn zwar vielmals gesehen. Ob ich ihn heute noch erkennen würde, glaube ich nicht. Er war damals etwa 20 Jahre alt.“

Stefan Borowski

Stefan Borowski (Jg. 1910) wurde am 22. Oktober 1969 durch das hessische Landeskriminalamt vernommen. Das ermittelte im Auftrag der Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Deren Aufgabe war die Untersuchung von Morden an Verfolgten des NS-Regimes. Borowski gab an, dass er am 5. März 1943 in Warschau auf offener Straße durch die deutschen Besatzungsbehörden festgenommen worden war. Danach wurde er mehrere Monate im Gefängnis der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) im Warschauer Ghetto festgehalten. Borowski bekam keine Anklageschrift. Er war kein Jude. 1944 wurde er ins Konzentrationslager Groß Rosen zwischen Breslau und Görlitz überstellt. Neujahr 1945 kam er nach Buchenwald und eine Woche später ins Außenlager nach Bad Salzungen. Dort löste sein Arbeitstrupp ein jüdisches Häftlingskommando ab, welches abberufen und nach Auschwitz geschickt wurde — vermutlich wurden diese Zwangsarbeiter dort noch kurz vor der Befreiung des Lagers ermordet. Borowski wurde bereits am Tag der Ankunft in Bad Salzungen unter Tage in den Schacht Alexandershall gebracht. Mit rund eintausend anderen Häftlingen, so seine Angabe, musste er dort unter schwersten Bedingungen Bauarbeiten erledigen. Die Unterbringung erfolgte unter Tage direkt in den Schächten des Salzbergwerks. Erst nach einem Monat kam er wieder über Tage und wurde wenig später zurück nach Buchenwald evakuiert. Auf dem einwöchigen Marsch zu Fuß zurück dorthin wurden zahlreiche seiner Mithäftlinge ermordet. Er beobachtete die Erschießung eines französischen Häftlings während des Marschs. Das Lager Buchenwald wurde am 11. April 1945 befreit. Danach blieb Borowski in Deutschland und lebte in Hanau. 

„Im Nebenlager Bad Salzungen waren die Verhältnisse wirklich sehr schwer. Wir arbeiteten etwa einen Monat lang nur unter Tage und weilten auch unter Tag, so daß wir den ganzen Monat von unter Tag nicht an die Erdoberfläche gekommen sind.“
„Wir verrichteten schwere Arbeiten, und zwar den ganzen Tag über. Es wurden natürlich keinerlei hygienisch-technische Schutzmaßnahmen bei der Arbeit ergriffen.“
„Die Unterbringung war ebenfalls zum Verzweifeln, so daß es sehr viele Erkrankungen und Sterbefälle wegen der schweren Umstände, unter denen wir arbeiteten und lebten, gegeben hat.“
„Über uns Lagerinsassen hatten die Aufsicht SS-Männer, die uns psychisch ständig mißhandelten und für jede Kleinigkeit physisch angriffen, was oft zum Tode von Lagerinsassen führte.“
„Sonst habe ich nichts zu sagen. Obiges ist mir aus eigenen Beobachtungen bekannt. Auf all das kann ich einen Eid ablegen.“
Niederschrift der Vernehmung Dragutin (Karl) Fresl 23.12.1969

Karl Fresl

Dragutin (Karl) Fresl (B 162 - 9981, Zentrale Stelle)

Die Vernehmung von Dragutin (Karl) Fresl  (Jg. 1918) erfolgte am 23. Dezember 1969 in Krizevci in Kroatien. Die dortigen Behörden leisteten damit Amtshilfe in einem Verfahren der bundesdeutschen Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Fresl war am 7. Dezember 1943 in Jugoslawien durch Einheiten des Sicherheitsdeinstes der SS (SD) verhaftet worden. Eine Anklage gegen ihn gab es nicht. Man war ihm vor, mit lokalen Einheiten, die Widerstand gegen die Wehrmacht leisteten, zusammenzuarbeiten. Es gab jedoch keine Beweise dafür. Fresl wurde über Zagreb nach Wien und von dort in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert. Dort wurde er ein Jahr als Zwangsarbeiter eingesetzt. Mitte Februar 1945 wurde er in einem Transport nach Buchenwald und wenige Tage später nach Bad Salzungen verlegt. Hier arbeitete er im Schacht Alexandershall. Fresl und seine Mitgefangenen nannten den Schacht „Janina“, wie er sich erinnerte. Für einen Monat musste er ununterbrochen unter Tage arbeiten. Er wurde bei Bau- und Betonarbeiten eingesetzt. Er schilderte in seiner Vernehmung die sehr schweren Verhältnisse. Die hygienischen Zustände müssen über Tage und unter Tage katastrophal gewesen sein. Viele Mithäftlinge starben an Infektionen. Alle sahen sich den psychischen und physischen Misshandlungen der SS-Wachmannschaften hilflos ausgesetzt. Es habe viele Tote in Folgen von Prügelattacken gegeben. Wie er das Lager überlebte, schilderte er bei seiner Vernehmung nicht. Wahrscheinlich gehörte er zu jenen, die wenig später nach Buchenwald zurück geführt und dort befreit wurden.

„Im Nebenlager Abteroda waren wir wenige Italienerinnen; es gab außerdem Jugoslawinnen, Russinnen — etwa 800 Frauen. Wir wurden gegen Ende Februar oder Anfang März 1945 vom Lager Ravensbrück dorthin transportiert. Entschuldigen Sie bitte meine Ungenauigkeit bezüglich der Daten; unser Leben entwickelte sich sinn- und zeitlos und wir waren von äußerster körperlicher Schwäche.“
„In Abteroda wohnte ich mit meinen Kameradinnen im oberen Stockwerk einer Fabrik, die mitten zwischen Fichten versteckt war, und halb in die Erde eingelassen war, so dass wir uns nur wenig über dem Boden befanden. Es gab dort viele politische, französische Häftlinge, die vor uns von Ravensbrück angekommen waren.“
„Wir mussten 10 Stunden pro Tag arbeiten, so dass wir nie an die Luft kamen, außer im Falle von Fliegeralarm.“
„Man erzählte, dass Teile von Flugzeugen in der Fabrik gebaut würden. Manchmal kam ein hoher Offizier mit langem Mantel, elegant, und sehr aufgeblasen. Er wurde von allen deutschen Dienststellenangehörigen sehr geachtet.“
„Dagegen erinnere ich mich sehr gut - ohne allerdings seinen Namen noch zu wissen - an den SS-Kommandanten, der uns unter seiner Aufsicht hatte, ebenso wie die ganze Gruppe von SS-Männern und SS-Frauen sowie dazu die Kapos. Es war ein nervöser, kleiner, magerer Mann mit abstehenden Ohren und etwas krummen Beinen, der immer brüllte und lange auf uns einredete, ohne dass es uns jemand übersetzt hätte. Eines Abends, nach dem Arbeitstag, zwang er uns, die ganze Nacht durch stehend und mit hochgesteckt Armen zu verbringen, um uns für etwas zu bestrafen, dass wir aber nicht wussten.“
„Diesem SS-Führer kann man die Verantwortung für die Ermordung zweier Häftlinge zuschreiben. Ich werde den Fall erzählen: Als sie uns zu dem Fußmarsch zwangen, den ich oben erwähnt habe, ließen sie uns nach einigen Tagen Marsch in einem Dorf halten, in dem ein großes Gut mit sehr weitem Hof und großen Heuböden war, wo wir die Nacht verbrachten. Der Halt erfolgte auf Grund des starken Regens, durch den wir nicht mehr vorwärts kommen konnten. Am nächsten Morgen ließ man uns im Hof antreten, um uns zu zählen. Es wurde festgestellt, dass 4 Männer fehlten. Es gab einen Höllenlärm und der SS-Führer mit seinen Gehilfen fing an zu suchen. Ein Russe wurde auf einem Balken versteckt gefunden, und der SS-Führer selbst erschoss ihn mit seiner Pistole, Der zweite, ebenfalls ein Russe, wurde in den Hof gebracht, und es schien zuerst so, als ob sie ihn aufhängen wollten. Dann aber, nachdem sie uns befohlen hatten, einen Kreis zu bilden und den Kopf nicht zu drehen, wurde dieser arme Mann mitten im Hof zu Tode geprügelt. Ich sah, wie der Gewehrkolben eines stabilen SS-Mannes, der ihn prügelte, entzwei brach. Der Russe hatte lediglich wie die drei anderen versucht, sich zu verstecken, um von den nur einige Kilometer weit entfernten Alliierten befreit zu werden. Dagegen schonte man das Leben der zwei anderen — eines Russen und eines Italieners aus Triest, die man auch wieder gefunden hatte. Sie wurden geprügelt, dann wurden sie zusammengefesselt und mussten hinter sich die Leiche des zu Tide geprügelten Kameraden durch eine Reihe von Straßen ziehen. Die Leiche war ein eine Decke eingerollt. Als wir an einen Bach gelangten, bekamen sie den Befehl, die Leiche in den Bach zu werfen."
„Sehr geehrter Herr Staatsanwalt, ich weiß nicht, ob das, was ich Ihnen geschrieben habe, für Sie von Nutzen sein kann. Aber ich bin Ihnen dankbar für das, was Sie unternehmen, um die Mörder ausfindig zu machen und nicht nur Sie, sondern durch Sie auch das Regime zu bestrafen, das nicht nur Deutschland, sondern die ganze Menschheit entehrte. Es ist daher notwendig, dass sich solches nicht ein zweitesmal, in keinem Teil der Erde wiederhole.“

Rosa Cantoni

Rosa Cantoni (B 162-9958, Zentrale Stelle)

Rosa Cantoni (Jg. 1913) war eine bedeutende Figur der italienischen Resistenza (dt. Widerstand) und Überlebende der NS-Konzentrationslager Ravensbrück und Buchenwald. Bereits im Alter von 14 Jahren begann sie ihre Arbeit in der Textilfabrik Basevi in Udine. Dort engagierte sie sich früh gewerkschaftlich, gemeinsam mit ihrem Bruder Giovanni. Sie schrieb sozialistische Gedichte und schloss sich dem Widerstand gegen die italienischen Faschisten an. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Rosa Cantoni Mitglied der Resistenza und agierte unter dem Decknamen „Giulia“ als Kurierin für die Partisanen der Division Garibaldi. Die Im Dezember 1944 wurde sie an einem Kontrollpunkt verhaftet, nachdem sie zu einem Treffen mit einem Mitstreiter unterwegs war. Nach ihrer Inhaftierung im Gefängnis von Udine wurde sie Anfang 1945 in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert und später nach Buchenwald verlegt. In Abteroda, Außenlager von Buchenwald, war sie einige Monate als Zwangsarbeiterin eingesetzt. Sie überlebte den Todesmarsch im April 1945. Nach ihrer Befreiung kehrte sie nach Udine zurück und widmete sich dem Gedenken an die Opfer des Faschismus. Sie war aktives Mitglied der ANPI (Associazione Nazionale Partigiani d’Italia) und der ANED (Associazione Nazionale Ex Deportati nei Campi Nazisti).

Quellenzitat Stefan Susnik

„In Auschwitz hatte ich die Nummer 202 172, die ich noch immer auf der Hand eintätowiert habe. An die Nummer, die ich in Bad Salzungen hatte, kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, dass sie etwas über 140 000 lautete.“
„Ich erinnere mich nur, dass ich in einem Salzbergwerk gearbeitet habe. Wir waren in Kommandos aufgeteilt. In jedem Kommando befand sich ein deutscher Krimineller als Leiter bzw. Capo. Jedem Kommando waren auch 1 und 2 SS Männer beigegeben.“
„Im Lager hat man uns sehr geschlagen, und zwar mit Fäusten, mit Gewehrkolben und auch sonstwie, wenn sich jemand verkehrt gedreht hat, wie man es haben wollte, dass er sich drehen soll. Ihre Besondere Grobheit hat sich damals gezeigt, als die russisch-deutsche Front näher kam.“
„Viele Menschen wurden durch Polizeihunde umgebracht. In Buchenwald selbst hatten sie auch einen Bären, der 200kg schwer war, und Menschen zerriss.“
„Mit eigenen Augen habe ich nur einen Mord gesehen, wie ein SS-Angehöriger in Bad Salzungen einem Häftling die Kappe vom Kopf riss und in den Drahtgürtel warf, wohin zu gehen es unter Androhung der Todesstrafe für die Häftlinge verboten war, dann hat er auf die Kappe gezeigt und ihn aufgefordert, sie zu holen und als dieser dann um die Kappe ging, hat er ihn mit der Maschinenpistole erschossen.“
„In Auschwitz habe ich gesehen, wie man einen Transport Juden zunächst in die Gaszellen brachte und dann hat man sie so halb lebend, denn sie waren nur etwas betäubt, in das Krematorium verbracht, wo man sie halblebend verbrannte. 
„Besonders danach gefragt muss ich sagen, dass ich mich nicht an die Namen ‚Kalb‘ oder ‚Renntier‘ erinnere. Soweit ich mich erinnere haben wir unter Aufsicht von SS-Angehörigen und nicht unter Aufsicht der Organisation ‚Todt‘ gearbeitet. Wir haben zwar Leute von der Organisation ‚Todt‘ gesehen, doch hatten wir mit ihnen nichts zu tun. Auch an die Namen Leimbach und Dorndorf sowie Springen kann ich mich nicht erinnern.“
„Ich erinnere mich aber, dass die Evakuierung dieses Lagers am 6. April 1945 vorgenommen wurde. Damals haben sie uns nach Buchenwald gebracht. Ich weiß, dass damals einige Leute erschossen wurden unter dem Vorwand, dass sie von Buchenwald nach Dachau verbracht werden. Aus Buchenwald hat man sie in irgendein Tal gebracht und sie dort erschossen. Die SS-Angehörigen haben uns gesagt, dass, sofern Deutschland den Krieg verliert, sie uns alle erschießen werden. Von denen, die in Bad Salzungen zurückgeblieben sind, habe ich nichts mehr gehört. Als man uns aus Bad Salzungen evakuiert hat, habe ich unterwegs durchgehend Schüsse gehört, habe selbst aber keine Erschießungen gesehen, von anderen aber gehört, dass unterwegs Häftlinge erschossen wurden. Schüsse hat man durchgehend gehört, obwohl die Front nicht in der Nähe war.“
„Ich bitte, mir die Kosten für den Autobus im Betrage von 7,60 Dinar zu erstatten, mir eine kreditierte Fahrt zurück zu genehmigen und bitte, mir eine Refundierungsbescheinigung zu geben in Höhe von 10,00 Dinar an Verpflegungskosten. Beschluss: Die Forderung des Zeugen wird anerkannt.“
Stefan Susnik, Zeugenvernehmung 11. Mai 1970, (B 162 - 9981, Zentrale Stelle)

Stefan Susnik

Stefan Susnik (Jg. 1918) war 25 Jahre alt, als er 1943 durch deutsche Kräfte im Gebiet des heutigen Zetale in Slowenien verhafteten. Er wurde zunächst beim Bau von Drahtzäunen eingesetzt. Dann warf man seiner Arbeitskolonne vor, mit Partisanen, Widerstandskämpfern gegen die Besatzung durch die deutsche Wehrmacht, zusammenzuarbeiten. Nach einigen Stationen in verschiedenen Gefängnissen erreiche er Ende 1943 das KZ Mauthausen. Kurz darauf überstellte man ihn in das KZ Ebensee bei Lienz, einem Außenlager von Mauthausen. Dort blieb Susnik bis Ende 1944, als man ihn erneut nach Mauthausen und kurze Zeit darauf nach Auschwitz brachte. Dort erlebte er die Ermordung von ungarischen Juden. Nach einige Monaten wurde er vermutlich im Dezember 1944 über Buchenwald ins Außenlager Bad Salzungen gebracht. Hier arbeitete er von Februar bis April 1945. Susnik erlebte die Räumung des Lagers und den sogenannten „Todesmarsch“ der Überlebenden zurück nach Buchenwald. Dort wurde er durch amerikanische Truppen bei der Auflösung des Lagers befreit. Später kehrte er in seine Heimat in Slowenien zurück. Er arbeitete dort als Bergmann. In Bad Salzungen war er als Zwangsarbeiter unter Tage eingesetzt.