Täter

Zwangsarbeit war kein Randphänomen, sondern ein zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Herrschafts-, Wirtschafts- und Vernichtungspolitik. Sie beruhte auf dem Zusammenwirken unterschiedlicher Tätergruppen, die auf verschiedenen Ebenen Verantwortung trugen und gemeinsam das System der Ausbeutung ermöglichten. Die Grundlage der Zwangsarbeit bildete die rassistische Ideologie des Nationalsozialismus. Der nationalsozialistische Staat definierte Menschen nach ihrer vermeintlichen „rassischen“ Zugehörigkeit und sprach ihnen je nach Einordnung Rechte oder Menschlichkeit ab. Unter Führung der NSDAP wurde Zwangsarbeit gezielt als Mittel eingesetzt, um als „minderwertig“ erklärte Gruppen wirtschaftlich auszubeuten und zugleich politisch zu kontrollieren. Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsstrukturen schufen die rechtliche Voraussetzung dafür, Millionen Menschen aus ganz Europa zur Arbeit zu zwingen – auch im Kalirevier an der Werra.

Eine zentrale Rolle spielte die Wehrmacht im Umgang mit Kriegsgefangenen. Entgegen dem Völkerrecht wurden Millionen gefangen genommener Soldaten, insbesondere aus Osteuropa, als Arbeitskräfte eingesetzt. Die Wehrmacht war an ihrer Bewachung, Unterbringung und häufig auch an ihrer Weitergabe an Betriebe beteiligt. Besonders sowjetische Kriegsgefangene wurden unter extremen Bedingungen zur Arbeit gezwungen; Hunger, Krankheit und Gewalt führten massenhaft zum Tod.

Die Organisation und der massenhafte Einsatz von Zwangsarbeit im Nationalsozialismus waren kein ungeplantes Nebenprodukt des Krieges, sondern das Ergebnis gezielter politischer Entscheidungen. Zwei der wichtigsten Verantwortungsträger in diesem System waren Albert Speer und Fritz Sauckel. Beide nahmen Schlüsselpositionen ein und trugen gemeinsam dazu bei, dass Millionen Menschen ausgebeutet, entrechtet und vielfach bis zum Tod zur Arbeit gezwungen wurden.

Albert Speer und Fritz Sauckel

Albert Speer war seit 1942 Reichsminister für Bewaffnung und Munition und damit verantwortlich für die Organisation der deutschen Rüstungsproduktion. Sein erklärtes Ziel war es, die Waffenproduktion trotz alliierter Bombenangriffe zu steigern. Ein zentrales Mittel dafür war der systematische Einsatz von Zwangsarbeit. Speer arbeitete eng mit staatlichen Stellen und der Organisation Todt zusammen, deren Leitung er ebenfalls 1942 übernahm. Unter seiner Verantwortung wurden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in großer Zahl in Rüstungsbetrieben, auf Baustellen und in der Industrie eingesetzt. Speer zentralisierte Produktionsabläufe und profitierte direkt von der Verfügbarkeit nahezu rechtloser Arbeitskräfte. Auch wenn er sich nach dem Krieg als „unpolitischer Technokrat“ darstellte, gilt er heute als mitverantwortlich für die systematische Ausbeutung von Millionen Menschen und für das Funktionieren der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft.

Fritz Sauckel war als „Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz“ der zentrale Organisator der Zwangsarbeit. Ab 1942 koordinierte er die Rekrutierung und Verschleppung von Arbeitskräften aus nahezu allen von Deutschland besetzten Ländern. Unter seiner Leitung wurden etwa sieben bis acht Millionen Menschen zum Arbeitseinsatz gezwungen, häufig unter Gewalt, Zwang oder Täuschung. Sauckel forderte „den ganzen Menschen für den Arbeitseinsatz“ – ein Ausdruck der rücksichtslosen Ausbeutung, die Krankheit, Tod und gezielte Vernichtung einschloss. Seine Behauptung, es handle sich lediglich um einen „wirtschaftlichen Prozess“, verschleierte bewusst den Charakter der Zwangsarbeit als systematisches Unrecht.

Fritz Sauckel 1937 | Quelle: Unknown author, Leipzig International Fair 1937, Ausschnitt von WKM Heringen, CC0 1.0

Speer und Sauckel standen in enger funktionaler Verbindung: Sauckel lieferte die Arbeitskräfte, Speer sorgte für ihren Einsatz in der Rüstungsindustrie. Gemeinsam waren sie zentrale Akteure eines Systems, das Zwangsarbeit zu einem tragenden Pfeiler der nationalsozialistischen Herrschaft machte. Beide trugen entscheidende Verantwortung für ein Verbrechen, das Millionen Menschen das Leben kostete oder dauerhaft zerstörte.

Albert Speer (rechts) mit der Armbinde der Organisation Todt | Quelle: Kobierowski, Minister Albert Speer i gen. Edward Dietl na lotnisku polowym podczas wizytacji frontu w Norwegii (2-473), als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Die zentrale Rolle der SS

Eine besondere Rolle innerhalb des Systems der Zwangsarbeit kam der Schutzstaffel (SS) zu. Sie wurde 1925 zunächst als persönliche Schutztruppe Adolf Hitlers gegründet und entwickelte sich unter der Führung Heinrich Himmlers, der ab 1929 das Amt des Reichsführers SS innehatte, zu einem der zentralen Machtinstrumente des NS-Regimes. Innerhalb der SS spielten die sogenannten Totenkopfverbände eine zentrale Rolle. Diese Untereinheit war speziell für die Bewachung und Verwaltung der Konzentrationslager zuständig. Bereits kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten übernahm die SS die Kontrolle über die ersten Lager, darunter das Konzentrationslager Dachau, und weitete dieses System in den folgenden Jahren kontinuierlich aus.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bewachten SS-Wachmannschaften alle großen Konzentrationslager, darunter Auschwitz, Buchenwald, Sachsenhausen, Mauthausen und Ravensbrück. Die SS war dabei nicht nur für die Bewachung zuständig, sondern aktiv an der Gewalt in den Lagern beteiligt. Sie verantwortete Folter, Misshandlungen, medizinische Experimente und Massenmorde und setzte damit die nationalsozialistische Vernichtungspolitik unmittelbar um. Auch in kleineren Lagern auf dem Gebiet des Deutschen Reichs stellte die SS die Wachmannschaften, ebenso in zahlreichen Nebenlagern, etwa in Bad Salzungen oder Abteroda. Diese Lager waren häufig direkt an Betriebe angebunden, in denen KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden.

Über das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS wurden Häftlinge an staatliche und private Unternehmen „verliehen“. Die SS profitierte finanziell davon und verband wirtschaftliche Ausbeutung direkt mit dem Ziel der Vernichtung. Besonders in der Praxis der sogenannten „Vernichtung durch Arbeit“ wurde Zwangsarbeit selbst zu einem Mittel des Mordes.

Paradox erscheint dabei die doppelte Funktion der SS. Einerseits fungierte sie als ausführendes Organ der systematischen Ermordung von Menschen im Sinne der rassistischen Ideologie, etwa in Vernichtungslagern wie Belzec oder Treblinka. Andererseits rückte sie mit dem Verlauf des Krieges zunehmend in die Rolle eines Akteurs im System der Zwangsarbeit. Gefangene Menschen sollten vor ihrer Ermordung noch als Arbeitskräfte ausgebeutet werden. Dies führte zu der zynischen Praxis der „Selektion“, wie sie insbesondere im Vernichtungslager Auschwitz durchgeführt wurde. Die SS unterschied zwischen Menschen, die noch als „arbeitsfähig“ galten, und jenen, die unmittelbar ermordet wurden. Ein tatsächlicher Konflikt zwischen wirtschaftlicher Ausbeutung und ideologischer Vernichtung bestand jedoch kaum – die Vernichtung hatte stets Vorrang.

Die SS Führerschule Merkers

Auch im Kalirevier an der Werra war die SS präsent. In Merkers befand sich ab 1933 eine SS-Führerschule, in der Angehörige der SS ideologisch und organisatorisch geschult wurden. Ziel war nicht eine fachliche Ausbildung, sondern die Formung zukünftiger Führungskräfte im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung. Vermittelt wurden militärische Grundkenntnisse, Disziplin und vor allem die rassistische Ideologie des Regimes, die Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung legitimierte. Die Einrichtung der SS-Führerschule wurde auch dadurch ermöglicht, dass der Wintershall-Konzern als Betreiber des Werks Merkers die notwendigen finanziellen Mittel bereitstellte. SS-Führerschulen waren Teil eines umfassenden Ausbildungssystems zur Heranbildung verlässlicher Kader für Lagerbewachung, Verwaltung sowie Besatzungs- und Repressionsaufgaben.

Angehörige der SS beim Einzug in Merkers 1933. 2.v.r. ist Walter Gunst, bekannter Redner und SS-Mann. Er war maßgeblich dafür verantwortlich, dass am 9. November 1938 die Synagoge in Freiburg im Breisgau in Brand gesteckt wurde. Gunst fiel vermutlich 1943 an der Ostfront. | Quelle: Privatarchiv Katharina Weber

Angehörige der SS beim Einzug in Merkers 1933. | Quelle: Privatarchiv Katharina Weber

 Der Kalibergmann 3.6.1933 (PDF-Dokument)

Der Kalibergmann 3. Juni 1933: Gründung der SS Führerschule in Merkers | Quelle: Der Kalibergmann, 3.6.1933.

Lager und ihr Wachpersonal

Die Bewachung der KZ-Außenlager im Kalirevier oblag ebenfalls überwiegend der SS oder ihr unterstellten Einheiten. Sie stellte das Wachpersonal, übernahm die Organisation und die Verwaltung der Lager. Obwohl Paul Sporrenberg (Jg. 1896) nur wenige Wochen im Jahr 1945 Kommandant des Lagers Leimbach war, hinterließ er Spuren in der Region. Er war SS-Hauptsturmführer und ist heute vor allem als Kommandant des SS-Sonderlagers Hinzert, eines Konzentrationslagers in Rheinland-Pfalz, bekannt. Er war seit 1922 Mitglied der NSDAP und trat bereits kurz nach deren Formierung im selben Jahr der SA (Sturmabteilung) bei. 1933 wurde er Mitglied der Schutzstaffel (SS). Sporrenberg wurde 1939 zur Wehrmacht eingezogen; 1940 erfolgte seine Aufnahme in die Waffen-SS. Nach mehreren leitenden Funktionen übernahm er 1942 die Leitung des Lagers Hinzert. Häftlinge, aber auch Angehörige des Wachpersonals, beklagten seine Brutalität und die Willkür seiner Maßnahmen. In Akten sind mehrere Morde belegt, die von ihm selbst begangen oder auf seinen Befehl hin verübt wurden. Vor allem aufgrund seines unberechenbaren Führungsstils leitete die SS interne Ermittlungen gegen ihn ein, die jedoch folgenlos blieben. Sporrenberg blieb bis Januar 1945 Kommandant des Lagers Hinzert und wurde anschließend offiziell dem Konzentrationslager Buchenwald zugeordnet. Dort übernahm er die Leitung des Außenlagers Leimbach im Kalirevier, aus dem ebenfalls brutale Übergriffe überliefert sind.

Nach dem Krieg gelang es Sporrenberg, unterzutauchen. Erst 1958 begannen Ermittlungen gegen ihn. Nach intensiver Fahndung wurde er 1960 in seiner Wohnung in Mönchengladbach festgenommen. Zu einer Verurteilung kam es jedoch nicht: Sporrenberg starb 1961 vor Eröffnung der Hauptverhandlung. Ihm wurde Mord in 60 Fällen zur Last gelegt. Er gilt als einer der berüchtigten Kommandanten von Konzentrationslagern während der Zeit des Nationalsozialismus.

„Der Lagerkommandant allein ist verantwortlich für den Einsatz der Arbeitskräfte. Dieser Arbeitseinsatz muß im wahren Sinne des Wortes erschöpfend sein, um ein Höchstmaß an Leistung zu erzielen. […] Die Arbeitszeit ist an keine Grenzen gebunden. […] Zeitraubende Anmärsche und Mittagspausen nur zu Essenszwecken sind verboten. […] Er [der Lagerkommandant] muss klares fachliches Wissen in militärischen und wirtschaftlichen Dingen verbinden mit kluger und weiser Führung der Menschengruppen, die er zu einem hohen Leistungspotential zusammenfassen soll.“
IMT (Hrsg.): Der Nürnberger Prozess. Band XXXVIII, S. 366 / Doku. 129-R.

Ein Beispiel für die Gruppe der Wachsoldaten ist Georg Appoltshauser (Jg. 1905), der 1944 von der Luftwaffe dem KZ Buchenwald unterstellt und anschließend in das Nebenlager Abteroda versetzt wurde. Dort bewachte er Häftlinge bis zum Todesmarsch im April 1945. Auch Hermann Bareiss (Jg. 1905), ebenfalls Wachmann in Abteroda, war an der Bewachung des Todesmarsches beteiligt. Beide bestritten später, von Tötungen gewusst oder diese gesehen zu haben.

Bei den Lagern, die keine KZ-Außenlager waren, sondern zur Unterbringung von Kriegsgefangenen oder zivilen ausländischen Arbeitskräften dienten, kam nicht selten auch die lokale Bevölkerung zum Einsatz. Je länger der Krieg andauerte und je weniger Männer im wehrfähigen Alter zur Verfügung standen, desto stärker wurde dieser Trend. Bis heute sind dutzende Bewerbungen und Schreiben von Menschen aus dem Kalirevier in Archiven erhalten geblieben, die sich freiwillig zum Wachdienst in den Lagern meldeten. Häufiger waren dies Männer im fortgeschrittenen Alter ab 50, die durch den Einsatz als Soldat im Ersten Weltkrieg bereits Erfahrung im Umgang mit Waffen hatten. Frauen wurden als Küchenkräfte stets gesucht und fanden in den Lagern entsprechend Arbeit. 

„Nach etwa 14 Tagen wurde ich mit einigen anderen Kameraden zu dem Nebenlager Abteroda bei Berka a.d. Werra versetzt. Dies war ein Nebenlager der KL-Buchenwald.“
„Ich war einfacher Soldat und ich hatte keine besondere Dienststellung.“
„Das KL-Nebenlager Abteroda war auf einem freien Gelände unmittelbar neben der Ortschaft Abteroda. Ungefähr 500m davon entfernt war ein größeres Kali-Lager. Das Lager bestand aus einem einzigen Bauwerk. Im Erdgeschoss befand sich eine Werkstatt, in welcher Motorteile für Fahrzeuge, oder Flugzeuge hergestellt wurden.“
„Die Häftlinge zwischen ca. 120 und 150 Personen haben tagsüber in dieser Werkstätte gearbeitet und nachts haben sie im 1. Stock dieses Gebäudes in einem größeren Saal geschlafen. Auch wir Wachsoldaten nächtigten im gleichen Stockwerk und zwar zu je 5-6 Soldaten in einem Zimmer.“
„Soweit mir bekannt ist, waren in diesem Lager deutsche, französische und polnische Häftlinge untergebracht. Dieses Lager war nur mit Männern belegt.“
„In Abteroda, etwa 300 m von diesem Männer-KL entfernt, war noch ein KL für Frauen. Wir hatten aber mit diesem Lager nichts zu tun und ich bin auch nie in dieses Lager gekommen.“
„Wer der Verantwortliche Lagerführer war, weiß ich heute nicht mehr. Der Name des SS-Oberscharführers Landau ist mir noch in Erinnerung. Dies war ein Oberschlesier und ich habe ihn nicht leiden können. Andere Namen sind mir nicht mehr in Erinnerung. Ich kann mich auch nicht mehr an die Namen erinnern, die Funktionen bekleideten. Ich glaube, ich habe diese Namen selbst während meiner Dienstzeit im Lager nicht gekannt, weil ich mich dafür nicht interessiert habe.“
„Ich habe nie beobachtet oder etwas darüber gehört, dass in Abteroda Häftlinge getötet worden wären. Es hat im Lager Abteroda keine Häftlingstötungen gegeben und ich kann daher auch keine Täter nennen.“
„Im April 1945 wurde das Nebenlager Abteroda aufgelöst und die Häftlinge mussten zu Fuß zurück in das Hauptlager Buchenwald gehen. Wir haben sie dorthin begleitet.“
„Mir ist nichts bekannt, dass auf diesem Marsch Häftlinge erschossen oder sonst getötet worden wären.“
Georg Appoltshauser (B 162 - 9958, Zentrale Stelle), Vernehmung vom 10.10.1971 | Biografische Skizze 7 (B 162, 9959, Zentrale Stelle)