Einsatzgebiete
Wie und wo ein Zwangsarbeiter während der NS-Zeit eingesetzt wurde, lag meist nicht in seiner Hand. Die Aufgabenbereiche, Tätigkeiten und damit auch die individuelle Behandlung unterschieden sich sehr stark. Es konnte vorkommen, dass in einem Betrieb mehrere Arbeitsbereiche und damit auch stark unterschiedliche Arbeitskontexte herrschten. Während manche Aufgaben beliebter waren, wenn dort die Arbeit nicht ganz so hart war, waren andere Bereiche gefürchtet.

Das galt insbesondere für den Bergbau. Denn hier ging es um körperlich schwere Arbeit, die die ohnehin geschwächten Zwangsarbeiter körperlich stark beanspruchen konnte bis hin zum Tod - Vernichtung durch Arbeit. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, dass der Einsatz im Kalibergbau an der Werra immer gleich und damit gleich schwer war. Auch hier gab es Abstufungen in den Einsatzgebieten. Aus heutiger Sicht mag diese Differenzierung wenig Unterschied machen — es handelte sich schließlich immer um Arbeit unter Zwang. Für die Zwangsarbeiter mache es jedoch einen großen Unterschied, ob sie beim Verladen von Säcken in Güterzüge, oder zur Räumung des gesprengten Gesteins unter Tage eingesetzt waren.
Doch hier mussten vergleichsweise wenige Zwangsarbeiter Arbeit verrichten. Denn die gelernten Bergleute waren weitaus produktiver als die meist ungelernten Zwangsarbeitskräfte, wie man auf Seiten der Werkleitungen rasch feststellte. Es gab jedoch auch Zwangsarbeiter, welche gelernte Bergleute aus Polen, Frankreich, Belgien oder der Sowjetunion waren. Sie arbeiteten unter ähnlichen und nahezu gleichen Umständen wir die regulären deutschen Arbeiter. Nur die Entlohnung unterschied sich. Dafür wurde diese spezielle Gruppe auf Grund der schweren Arbeit mit größeren und besseren Lebensmittelrationen versehen. Die Arbeit in den Kaliwerken über Tage bestand zumeist in einfachen Hilfsarbeiten. Oft ging es darum, Waren zu verladen oder beim Bau von Gebäuden zu helfen.
Dagegen war der Einsatz in der sogenannten Leichtmetallfabrik auf dem Gelände des Werks Wintershall in Heringen äußerst unbeliebt. Hier wurde Metall für die Flugzeugindustrie hergestellt. Dafür wurde das Ausgangsmaterial, Magnesium als Nebenprodukt der Kaliverarbeitung, mit Aluminium versetzt und in großen Öfen erhitzt. Die Dämpfe, der Lärm, Feinstaub und die Hitze setzen den Arbeitern körperlich stark zu, zumal sie nur wenige oder keine Schutzkleidung trugen, anders als die regulären Arbeitskräfte. Waren die Zwangsarbeiter im Bergbau oder in den Werken über Tage eingesetzt, dann standen sie unter der Obhut der Gewerkschaften bzw. der Betreiber der Werke, wie etwa der Wintershall AG. Die Konzernleitung und die Werksleiter vor Ort waren dafür verantwortlich, dass reguläre Arbeitskräfte durch Zwangsarbeiter ersetzt wurden. Die Bewachung übernahmen häufig Angehörige des Werkschutzes, manchmal auch Pförtner oder Nachtwächter, was manchen von ihnen eine äußerst machtvolle Stellung verlieh.
Auch in der Rüstungsproduktion wurden Zwangsarbeiter unter Tage eingesetzt. Dafür war jedoch nicht das Bergbauunternehmen verantwortlich, da ja kein Bergbau betrieben wurde. Verantwortlich dafür waren die Wehrmacht und andere staatliche Stellen. Auch hier unterschieden sich die Einsatzgebiete stark. Die Tätigkeiten reichten vom Befüllen leerer Patronen- oder Granathülsen mit Schwarzpulver bis hin zu komplexeren Dreh- und Fräßarbeiten an Maschinen. Besonders gefährlich und von den restlichen Bereichen getrennt war die Bearbeitung von Blindgängern: Das waren zwar abgefeuerte, aber nicht explodierte Geschosse. Sie mussten unter größter Vorsicht auseinander geschraubt oder gesägt werden, um sie neu mit Schwarzpulver zu befüllen. Hier kam es regelmäßig zu tödlichen Unfällen.

Obwohl das Kalirevier durch die Schächte und Werke des Bergbaus industrielle Strukturen aufweist, war die Landwirtschaft in der Region des Werratals in den 1930er Jahren noch überaus ausgeprägt. In dieser Zeit hatte viele Kalibergmänner zuhause weiterhin eine kleine Landwirtschaft. Daher war auch die Feld- und Stallarbeit ein Einsatzgebiet für Zwangsarbeiter, das heute häufig vergessen wird. Meist handelte es sich hier um polnische oder ukrainische Zwangsarbeiter. Sie waren in der Mehrzahl direkt auf den Höfen untergebracht. Die Bauern waren für ihre Verpflegung verantwortlich. Als Arbeitskräfte ersetzten sie nicht selten die Landwirte und Knechte, die zum Kriegsdienst eingezogen worden waren.

Es gab Zwangsarbeiter, die zwischen Einsatzgebieten in der Landwirtschaft, dem Bergbau und der Rüstung hin und her pendelten. Für sie war es ungewiss, wo sie morgen eingesetzt werden würden.
Zahl der Zwangsarbeiter im Revier
Wie viele Zwangsarbeiter gab es während der Jahre des Zweiten Weltkriegs im Kalirevier? Diese Frage stellt sich, wenn man das Thema wissenschaftlich betrachten will. Doch eindeutige Zahlen gibt es nicht. Es gab eine hohe Fluktuation der Zwangsarbeitskräfte zwischen den Einsatzgebieten in der Landwirtschaft, dem Bergbau, der Rüstungsproduktion und auch dem Straßenbau in der Region. Nicht immer wurde korrekt Buch geführt über Zu- und Abgänge. Manche Zivilarbeiter hatten Anrecht auf Urlaub und kehrten nicht zurück zum Arbeitsplatz. Andere flüchteten oder schlossen sich einfach anderen Arbeitskolonnen an. Dies erschwert es heute, die Anzahl der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter klar zu definieren. Betrachtet man jedoch die Bereiche Kalibergbau und Rüstungsproduktion, also die Bereiche die in direktem Zusammenhang mit der industriellen Ausprägung der Region standen, dann kann man davon ausgehen, dass die Zahl der Zwangsarbeiter vermutlich bei rund 10.000 lag. So viele Menschen arbeiteten zwischen 1939 und 1945 in etwa als Zwangsarbeiter im Kalirevier. Gegen Ende des Krieges lag der Anteil von Zwangsarbeitern bei 50% unter der Belegschaft der Kaliwerke der Wintershall AG. Alleine hier arbeiteten gleichzeitig zeitweise etwa 5000 Menschen unter Zwang. Aber: Genaue Zahlen gibt es hier nicht.
