Das Kalirevier im Nationalsozialismus
Die Weltwirtschaftskrise 1929 bedeutete einen Einschnitt für das Kalirevier an der Werra. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg waren Förderung und Produktion stetig gewachsen. Nun brachen nationale und internationale Absatzmärkte sehr kurzfristig weg. Da erhebliche Mengen auf Vorrat produziert wurden, fiel der Preis für die Endprodukte enorm. Die Folge waren Werksschließungen und Entlassungen auf Grund der schlechten Auftrags- und Ertragslage.
Schon 1932 zog die Nachfrage aber wieder an und schnell waren die Werke, die sich in den Krisenjahren auch damit beschäftigten, günstiger und effizienter zu fördern, wieder wirtschaftlich tragfähig. So hatte die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 nicht unmittelbar wirtschaftlich positive Auswirkungen. Der Aufschwung hatte schon vorher begonnen.
Aber in sozialer und organisatorischer Hinsicht brachte das Jahr 1933 sehr wohl tiefgreifende Veränderungen im Revier. Zuerst wurde die Kaliindustrie der Verantwortung des Reichswirtschaftsministeriums unterstellt. Das Ministerium verfügte im Dezember 1933, dass die Preise für Kaliprodukte im Inland festgeschrieben wurden. Das bedeutete, dass Käufer aus Deutschland den Kalidünger sehr günstig einkaufen konnten. Das stärkte zwar die Nachfrage und auch die Zahl der Angestellten, aber die Gewinne waren niedriger. Danach folgte die Auflösung der Arbeitnehmervertretungen. In ihnen waren die Arbeiter organisiert und konnten für mehr Lohn oder besseren Arbeitsschutz streiken. Sie wurden verboten und stattdessen wurde die gesamte Belegschaft in der Deutschen Arbeitsfront (DAF) zusammengefasst. Die Werke bekamen Betriebsführer und die Bergleute wurden zur „Gefolgschaft“.
Innerhalb der nationalsozialistischen Ideologie hatte der Kalibergbau eine besondere Bedeutung: Denn der Bergbau war nicht nur ein klassisches und traditionelles Arbeitsfeld. Eigentlich wählten die Bergleute eher im linken und sozialdemokratischen Spektrum. Doch sie wurden durch die besondere Hervorhebung in der Propaganda des Nationalsozialismus gegenüber anderen Berufsgruppen herausgestellt, was viele Wählerstimmen sicherte. Durch die Düngemittelproduktion unterstützen die Kalibergleute zudem die Landwirtschaft. Die Bauern waren ebenfalls eine besondere Wählerschaft der Nationalsozialisten. Bauern und Kalikumpel, so nennt man die Bergleute auch, sicherten beide die Unabhängigkeit vom Ausland, was Importe von Lebensmittel und Dünger betraf. Diese sogenannte Autoarkie war eine der Kernforderungen der Nationalsozialisten.
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 änderte sich zunächst nicht viel an der nach wie vor hohen Nachfrage nach Kaliprodukten. Sie stieg sogar an. Der Anteil des Kalisalzes, der zu Dünger verarbeitet wurde, wurde in der Landwirtschaft zur Sicherung der Lebensmittelversorgung benötigt. Es sollte unter keinen Umständen dazu kommen, dass die heimische Bevölkerung hungerte. Denn die Nationalsozialisten befürchteten Aufstände und Widerstand.
Aber auch aus einem anderen Grund war Kalisalz wichtig: Ein Teil wurde für die Produktion von Sprengstoff benötigt. Der wurde in Munition von Gewehren und Panzern, aber auch in Form von TNT gebraucht. Nicht zuletzt wurde auch magnesiumhaltiges Leichtmetall seit Anfang der 1930er Jahre im Kalirevier an der Werra hergestellt. Magnesium ist ein Nebenprodukt der Düngemittelproduktion. Das Leichtmetall wurde im Krieg benötigt für die Produktion von Bomben- und Jagdflugzeugen.
Dies führte dazu, dass während des gesamten Zweiten Weltkriegs die Produktion im Fulda Werra Revier eine herausgehobene Bedeutung hatte — die nur durch den vermehrten Einsatz von Zwangsarbeitern aufrecht zu erhalten war.
Tag der Nationalen Arbeit am 1. Mai 1933
Der Tag der Nationalen Arbeit wurde am 1. Mai 1933 von den Nationalsozialisten eingeführt, kurz nach ihrer Machtübernahme. Er ersetzte den bisherigen, von den Gewerkschaften organisierten Tag der Arbeit. Mit dieser Neugestaltung wollte die NSDAP die Zustimmung der Arbeiterschaft gewinnen, die bis dahin eher sozialdemokratisch oder sogar kommunistisch gewählt hatte. Der 1. Mai wurde zum staatlichen Feiertag erklärt und sollte nun die Einheit von Arbeiterschaft und Nationalsozialismus verdeutlichen.
Das Ziel der Nationalsozialisten war es, die unabhängigen Gewerkschaften zu zerschlagen und die Arbeiter in die nationalsozialistische „Deutsche Arbeitsfront“ zu integrieren. Damit sollte jede Form von Klassenkampf und Arbeiterinteressen unterbunden werden. Stattdessen propagierten sie die Idee einer „Volksgemeinschaft“, in der alle Deutschen gemeinsam an der nationalen Erneuerung arbeiten. Der Tag der Nationalen Arbeit diente also als Propagandainstrument, um die Macht der Nazis zu festigen und die Gesellschaft ideologisch zu beeinflussen.



Grubenunglück von 1938
Am 30. Juli 1938 ereignete sich eines der bis dahin größten Grubenunglücke im Fulda Werra Revier. Dabei kamen am Schacht Kaiseroda II (Merkers) elf Bergleute ums Leben. Eine Sprengung löste unerwartet rund 3700 Tonnen Gestein und 50.000 Kubikmeter Kohlensäuregas. Die betroffenen Bergmänner versuchten noch zu flüchten, wurden jedoch vom einschießenden Gas eingeholt und getötet. Nur wenige Tage später kamen bei einem Arbeitsunfall drei weitere Arbeiter im Rohsalzschuppen über Tage ums Leben.
Die Beisetzung der 14 Toten geriet zur einer Inszenierung durch die NS-Propaganda. Die Toten wurden als gute „Arbeitskameraden“ und „Gefolgsleute“ der NSDAP heroisiert. Unter den Toten war der NSDAP-Ortsgruppenleiter von Tiefenort, was dazu maßgeblich beitrug. Zur Trauerfeier im Werk Kaiseroda/Merkers kamen neben Reichsorganisationsleiter und Chef der Deutschen Arbeitsfront (DAF) Robert Ley auch Gauleiter Fritz Sauckel, der als „Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz“ später maßgeblich für den Einsatz von Zwangsarbeitern verantwortlich werden sollte. Auch August Rosterg, Generaldirektor der Wintershall AG, sprach zu den Anwesenden.

Die Werkszeitschrift Der Kalibergmann berichtete in zwei Ausgaben über die Trauerfeier mit zahlreichen Fotos und einem langen Text, in dem fast alle Ansprachen wörtlich angedruckt wurden. Insgesamt stieg die Zahl der Unfalltoten in den Schächten und Werken des Reviers während des Nationalsozialismus. Immer neue Forderungen nach Steigerung der Produktion während des Krieges ließen den Arbeitsschutz in den Hintergrund treten.
